FOCUS Gesundheit: Mehr als nur traurig

Aus: FOCUS Gesundheit (2014)

Menschen mit Depressionen leiden nicht nur an Niedergeschlagenheit, sondern auch an der schlechten medizinischen Versorgung und dem Unverständnis ihrer Mitmenschen. Doch die Krankheit wird sichtbarer



Manchmal fühlt man sich mit Depressionen so leer, dass es einem egal ist, ob man lebt oder stirbt. Das sind harte Worte, verpackt in 98 Zeichen auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter. Wenn sich Jana Seelig so leer fühlt und die Depression sie in die Tiefe zieht, übernimmt Jenna Shotgun die Kommunikation nach außen, Seeligs Alter Ego im Internet.


Als die 27-jährige Autorin im November 2014 via Twitter ihre Depression öffentlich machte, brachen alle Dämme. Unter dem Schlagwort #NotJustSad – „nicht nur traurig“ – setzten in den folgenden Wochen Hunderte Nutzer kurze Texte über ihr Kranksein und die Vorurteile ab, denen sie täglich begegnen. Zeitweise führte der Begriff die deutschen Twitter-Charts an.


„Der offene Umgang mit dem Thema kann eine Entlastung für depressiv Erkrankte darstellen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Jana Seelig glaubt, dass die Twitter-Diskussion manch einem erst bewusst gemacht habe, dass seine Traurigkeit eigentlich in einer Krankheit gründet. Am 10. November schreibt Jenna Shotgun: „Ich bin depressiv, seit ich 16 bin. Diagnostiziert wurde ich erst mit 22. Weil ich mir einreden ließ, ich sei einfach nur schlecht drauf.“


Depressionen sind mehr, als nur schlecht gelaunt oder traurig zu sein. „Typisch ist ein Gefühl der Gefühllosigkeit, also weder Trauer noch Freude empfinden zu können“, sagt der Philosoph

Jan Slaby von der Freien Universität Berlin. Auch die Geisteswissenschaft interessiert sich für das Innenleben der Depression. Gemeinsam mit Kollegen wertete Slaby die Erfahrungsberichte

von 134 depressiv Erkrankten aus und fand Parallelen in ihrem als unheimlich beschriebenen Ohnmachtsgefühl: „Viele Betroffene fühlen sich abgeschnitten von der Welt und empfinden ihren Körper als Hürde.“ Die Außenwelt erscheine oft wie hinter Glas, Stimmen wie aus der Ferne. „Depressive verlieren ihren Wirklichkeitssinn, ihr Gefühl dafür, ein Akteur in einer Welt zu sein, die sie mit ihren Mitmenschen teilen.“


Hinzu komme ein verändertes Zeiterleben: Die Gegenwart erstarrt in Stillstand. Die Zukunft verschwindet oder wird lediglich als Bedrohung empfunden. Die Vergangenheit kommt hingegen fast ausschließlich durch die Brille von Verlust und Versagen in den Blick. „Aus der Perspektive Unbeteiligter lässt sich diese Erfahrung nur vage nachvollziehen. Daraus resultiert auch das Unverständnis, dem viele Depressive begegnen“, vermutet Philosoph Slaby.


Jeder fünfte Deutsche erkrankt im Lauf seines Lebens mindestens einmal an einer Depression. Zu jedem Zeitpunkt leiden schätzungsweise vier Millionen Menschen im Land daran. Werden sie krankgeschrieben, fehlen sie im Durchschnitt 71 Tage pro Jahr am Arbeitsplatz: länger als bei jeder anderen Krankheit. Frauen erhalten die Diagnose doppelt so häufig wie Männer. Experten bezweifeln aber, dass das weibliche Geschlecht tatsächlich anfälliger ist. Je schwerer sich das Seelenleiden auswirkt, umso mehr gleicht sich das Geschlechterverhältnis an. Offenbar gestehen sich Männer erst später ein, dass sie Hilfe benötigen.


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