FOCUS Gesundheit: Die Grenzen des Normalen

Aus: FOCUS Gesundheit (2015)


Die Inflation psychiatrischer Diagnosen macht immer mehr Menschen zu Kranken. Was ist noch normal, was schon echtes psychisches Leiden? Klinikdirektor Andreas Heinz sucht im Interview nach einem dritten Weg



Herr Heinz, in anderen medizinischen Disziplinen stehen Ärzten Blutdruckmesser und Laborwerte zur Verfügung. Als Psychiater sind Sie dagegen auf die Erzählungen Ihrer Patienten angewiesen, die immer subjektiv geprägt sind. Beneiden Sie Ihre Kollegen um deren Diagnoseinstrumente?

Wir haben auch in der Psychiatrie gute, objektive Befunde, zum Beispiel in der Bildgebung. Unsere Fragebögen sind standardisiert und gut evaluiert. Gleichzeitig ist es bei körperlichen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder einem zu hohen Cholesterinspiegel keinesfalls immer so klar und einfach zu bestimmen, ab welchen Schwellen eine manifeste Erkrankung vorliegt – und damit Behandlungsbedarf besteht. Die Grenzwerte sind nicht in Stein gemeißelt.


Wie kommen Sie zu einer objektiven Bewertung seelischer Zustände?

Zum Beispiel bei depressiven Erkrankungen gibt es viele Fälle, bei denen eine Diagnose unzweifelhaft ist. Die Betroffenen sind unfähig, Freude oder Trauer zu empfinden, sie ziehen sich zurück, leiden unter Schlaf- oder Appetitstörungen. Ein erfahrener Psychiater erkennt das schnell. Genauso gibt es aber Patienten, die sich in einem Grenzbereich bewegen. Hier muss ich individuell eine klare Unterscheidung zu alltäglichen Verstimmungen und Trauer treffen. Wir dürfen normale Befindlichkeitsstörungen, die zum Leben dazugehören, nicht pauschal zu psychischen Erkrankungen erklären.


Das steht aber bevor. Die Zahl der psychiatrischen Diagnosen hat in der Neuauflage des diagnostischen Handbuchs für US-Psychiater, dem DSM-5, weiter zugenommen. Werden wir tatsächlich immer kränker?

Das lässt sich aus wissenschaftlichen, epidemiologischen Daten nicht herauslesen. Psychiatrische Erkrankungen nehmen nicht zu – wohl aber die Bereitschaft, sich zu einer solchen Diagnose zu bekennen und Hilfe zu suchen.


Wenn die Stigmatisierung abnimmt, ist das doch eine positive Entwicklung.

Leider gilt das lediglich für den Bereich der Depressionen. Menschen trauen sich heute eher, dazu zu stehen – wenn auch häufig unter der Bezeichnung Burn-out, was keine anerkannte klinische Diagnose ist. Aus dem Burnout-Begriff ergibt sich für Menschen, die nicht mitten im Berufsleben stehen, ein Problem. Sie können nicht für sich in Anspruch nehmen, sich für den Job aufgerieben zu haben. Eine Depression zu akzeptieren, wirkt da vergleichsweise schwierig.


Wo beginnt eine psychische Erkrankung?

Das ist dann der Fall, wenn überlebensnotwendige psychische Funktionen beeinträchtigt sind und der Betroffene darunter subjektiv leidet oder in seiner sozialen Teilhabe eingeschränkt ist.


Das klingt kompliziert. Wie sehen solche Funktionsstörungen konkret aus?


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Das ganze Interview können Sie hier lesen: